Die meisten modernen Autos sind mit einem Reifendruckkontrollsystem (RDKS) ausgestattet, das in vielen Ländern seit Ende der 2000er-Jahre aufgrund seines Beitrags zur Verkehrssicherheit Pflicht ist. Dieses System nutzt kleine Sensoren an jedem Rad, um den Reifendruck zu überwachen und sendet drahtlose Signale an den Bordcomputer, um bei zu niedrigem Reifendruck zu warnen. Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass diese Sensoren auch eine eindeutige Identifikationsnummer (ID) in unverschlüsselten Funksignalen übertragen. Das bedeutet, dass jeder in der Nähe mit einem einfachen Funkempfänger das Signal auffangen und das Fahrzeug später identifizieren kann. Die meisten aktuellen Fahrzeugortungssysteme verwenden Kameras, die eine freie Sichtverbindung benötigen.

Die Reifendruckkontrollsystem-Überwachung (TPMS) funktioniert anders: Die Sensoren senden automatisch Funksignale aus, die Wände und andere Fahrzeuge durchdringen und von kleinen, versteckten Funkempfängern unbemerkt erfasst werden können. Da jeder Sensor eine feste, eindeutige ID aussendet, kann dasselbe Fahrzeug wiederholt erkannt werden, ohne dass das Kennzeichen gelesen werden muss. Dadurch ist die TPMS-basierte Überwachung kostengünstiger, aber auch schwieriger zu erkennen und zu verhindern als kamerabasierte Überwachung und stellt somit eine größere Bedrohung für die Privatsphäre dar.

Um das Ausmaß dieses Risikos zu beurteilen, bauten die Forscher ein Netzwerk kostengünstiger Funkempfänger auf, die sie in der Nähe von Straßen und Parkplätzen platzierten. Jeder Empfänger kostete nur 100 US-Dollar. Insgesamt sammelten sie mehr als sechs Millionen Sensormeldungen von über 20.000 Fahrzeugen.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass diese Signale zur Verfolgung von Fahrzeugen und zum Verständnis ihrer Bewegungsmuster genutzt werden können“, sagt Domenico Giustiniano, Forschungsprofessor bei IMDEA Networks. „Das bedeutet, dass ein Netzwerk kostengünstiger drahtloser Empfänger den Verkehr im realen Umfeld diskret überwachen könnte. Solche Informationen könnten Aufschluss über den Alltag geben, beispielsweise über Ankunftszeiten am Arbeitsplatz oder Reisegewohnheiten.“.

Die Forscher entwickelten zudem Methoden, um die Signale aller vier Reifen desselben Fahrzeugs zu koppeln. Dies erhöhte die Genauigkeit bei der Identifizierung ankommender, abfahrender oder regelmäßig verkehrender Fahrzeuge. Die Studie belegte, dass Signale von fahrenden Autos aus Entfernungen von über 50 Metern erfasst werden können, selbst wenn sich die Sensoren in Gebäuden oder an verdeckten Orten befinden. Dies macht verdeckte Überwachung technisch möglich. Darüber hinaus enthalten die Signale des Reifendruckkontrollsystems (TPMS) Druckmesswerte, die Aufschluss über den Fahrzeugtyp oder die Beladung eines Pkw oder Lkw geben und somit fortschrittlichere Überwachungsmethoden ermöglichen.

„Da Fahrzeuge zunehmend vernetzt werden, sollten selbst sicherheitsorientierte Sensoren wie Reifendruckkontrollsysteme (TPMS) unter Berücksichtigung der Cybersicherheit entwickelt werden, da Daten, die passiv und harmlos erscheinen, bei der Erfassung in großem Umfang zu einem aussagekräftigen Identifikationsmerkmal werden können“, betont Dr. Alessio Scalingi, ehemaliger Doktorand bei IMDEA Networks und jetzt Assistenzprofessor an der Universität Carlos III in Madrid.

Trotz dieser Risiken gehen die aktuellen Vorschriften zur Cybersicherheit von Fahrzeugen noch nicht explizit auf die Sicherheit von Reifendruckkontrollsystemen (RDKS) ein. Das Forschungsteam warnt, dass Reifendrucksensoren ohne Verschlüsselung und Authentifizierung ein leichtes Ziel für passive Überwachung darstellen. „RDKS wurden für die Verkehrssicherheit entwickelt, nicht für die Cybersicherheit“, ergänzt Dr. Yago Lizarribar, der während seiner Promotion bei IMDEA Networks an der Studie mitwirkte und derzeit als Forscher bei Armasuisse in der Schweiz tätig ist.

„Unsere Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit für Hersteller und Aufsichtsbehörden, den Schutz in zukünftigen Fahrzeugsensorsystemen zu verbessern.“ Daher fordert das Forschungsteam Branchenführer und politische Entscheidungsträger dringend auf, die Cybersicherheit in zukünftigen Automobilen zu stärken, damit Sicherheitssysteme nicht zu Überwachungsinstrumenten werden.

Der Artikel mit dem Titel „Can't Hide Your Stride: Inferring Car Movement Patterns from Passive TPMS Measurements“ wurde zur Veröffentlichung auf der IEEE WONS 2026 angenommen.